Dieses Jahr feierte das alljährliche Gruft-Treffen vom 13.-16. Mai im schönen Leipzig sein 25. jähriges Jubiläum. Auch Madame Labizarre war wieder mit von der Partie – ich mag einfach die Atmosphäre der Stadt während des Festivals und dass jeder in dem riesigen Programm etwas für sich finden kann. Von dem Jubiläums-Special bekam unsere kleine Reisegruppe nichts mit, denn es vollzog sich schon am Donnerstagabend mit einer Riesensause im Freizeitpark Belantis und wir reisten alle erst am Freitag an. Alsdann fuhren wir – in sehr klassischer Manier – erstmal aufs Agra Gelände um dort unsere Bändchen abzuholen und dann inmitten der vielen Festivalbesucher zu chillen und Leute zu gucken. Beides gehörte für uns unter anderem zu den Prioritäten für dieses Wochenende.

Zum ersten Mal seit ich das WGT besuche, fuhr ich tatsächlich vergleichsweise unvorbereitet nach Leipzig. Sonst hatte ich vorher viele Outfits und MakeUps zu Hause getestet, verworfen mitgeschleppt, um dann auf dem Festival doch alles anders zu machen. Diesmal hatte ich ein paar gut transportierbare Kleider, vor allem alte Stücke, und Accessoires zum kombinieren. Auch zu einer Programmauswahl war ich im Vorfeld einfach nicht gekommen. Mein einziges Muss: Cinema Strange zu sehen. So verlief das Wochenende recht entspannt, alles konnte, nichts musste, wo man doch sonst angesichts der tausend Möglichkeiten schnell in Stress verfallen kann.

Freitagabend ergab es sich für uns ideal, dass Faun in der Agra-Halle spielten. Diese Räumlichkeit ist sonst nicht gerade bekannt für Atmosphäre oder gute Akustik, weshalb ich zunächst etwas skeptisch war. Auch haben Faun ja in den letzten Jahren ihren Stil etwas geändert: kürzere Lieder, mehr Pop, verständliche Texte – davor hatte ich ein bisschen Angst. Aber es kam alles anders: Die Faune boten eine musikalisch sehr gelungene Show mit einer abwechslungsreichen Mischung alter und neuer Lieder. Wenn ich recht erinnere wurde aus fast jedem Album, das seit 2002 erschienen ist mindestens ein Song gespielt. Gerade die gekonnte Zusammensetzung der Stimmen und Instrumentarien ist es, was mich an dieser Band immer wieder fasziniert. Außerdem war die Tontechnik entgegen aller Erwartungen gut ausgesteuert und das Licht sehr gekonnt und effektvoll eingesetzt.

In den Samstag wollten wir mit einem Absinth-Frühstück bei gepflegter Swing-Musik im Papa Hemingway starten – und wurden ziemlich enttäuscht. Weder Absinth noch Kaffee waren im Frühstückspreis enthalten, das Frühstückbuffet war mit oxidierter Wurst, 3 Croissants und Butter in geschmolzenen Eiswürfeln seinen Preis nicht wert und die nette Ausstattung und musikalische Untermalung konnte diese Enttäuschung dann auch nicht ganz wett machen. Immerhin schweißte diese Situation zusammen und man lernte ein paar nette Leue kennen - auch WGT-Besucher, die sich etwas anderes vorgestellt hatten.

Tagesplanung mit Miss Vandal im Papa Hemingway

Danach brachen wir zu einem Innenstadt-Bummel auf. Am Bahnhof in Leipzig hatte ich bei meinem letzten Besuch ein Antiquariat erspäht, welches unter anderem alte Kleidung verkaufte. Doch auch hier wurden wir etwas enttäuscht, denn irgendwie wollte man uns die Stücke, die unzugänglich hinter einem Tresen lagerten einfach nicht so richtig zeigen – trotz Ausverkauf. Dennoch obsiegte der Konsumwille und wir nahmen immerhin eine schöne Handtasche und ein Bettjäckchen für Miss Vandal und zwei Hemdchen für mich mit. Eine Stärkung nahmen wir im Kaffehaus Riquet zu uns, dessen Besuch jedem Leipzigbesucher empfohlen sei. Das Jugendstilgebäude mit den Elefantenköpfen ist schon auf der Straße ein Blickfang und auch Innen entspannt man angenehmem klassischen Ambiente.

Cinema Strange standen zwar erst für 22.30 im Programm, doch war es gut, schon deutlich früher (und nach einem vergeblichen Versuch die Nikolaikirche von Innen zu sehen - es gab dort Konzerte und weil man offenbar voll besetzt war, hatte man einfach die Tür abgeschlossen...) ins Täubchental zu fahren. Dort hieß es nämlich schon am frühen Abend anstehen und dank des ungemütlichen Wetters leider auch frieren und nass werden. Der Auftritt von Tragic Black, deren Musik zwar nicht so ganz meinem Geschmack entsprach, die sich aber wirklich redlich bemühten, das Publikum gefügig und feierlustig zu machen, war für uns die erste Show des Abends. Es folgten dann als Headliner Cinema Strange, für die sich das Anstehen nun wirklich gelohnt hatte. Die drei Herren, jeder für sich eine faszinierende Erscheinung, spielten einen bunten Mix aus ihrem breiten Repertoire und vermittelten damit die typische Cinema-Atmosphäre: Irgendwie komisch, ein bisschen gruselig und quietschig und doch oder gerade deshalb unheimlich eingängig und faszinierend.

Später am Abend besuchte ich noch die Party des Gothic Pogo Festivals, das im Werk 2 parallel zum WGT stattfand. Ich habe mich hier sehr wohl gefühlt, die Musik war toll und es gab sehr schöne und ausgefallene Kleider, Accessoires und Bilder am Stand von Heidis Graetchen und Feric Törtchen zu sehen und zu erstehen. Für alle die keine 120 Euro für ein Ticket ausgeben können oder wollen, den Umgang des WGT mit ideologisch fragwürdigen Bands und Händlern ablehnen und dennoch die volle Portion Ur-Gruft-Punk haben wollen, ist das Gothic Pogo Festival perfekt!

Eigentlich hatten wir geplant, am Sonntag das Heidnische Dorf zu besuchen, aber der Regen machte uns vormittags einen Strich durch die Rechnung und wir entschieden uns für das Grassi Museum. Als wir dort ankamen strahlte die Sonne… Im Grassi Museum gab es anlässlich des Jubiläums eine Fotoausstellung zu den Gesichtern des Wave-Gotik-Treffen. Wir entschieden uns allerdings für zwei sehr spannende Führungen: Die erste fand in der Abteilung für Musikgeschichte statt, wo wir unter anderem den ersten Hammerflügel bestaunen konnten, der je gebaut wurde. Zwischendrin gab eine Gruppe Musiker Stücke des 18. und 19. Jahrhunderts - natürlich zum Thema Tod und Vergänglichkeit -zum Besten.

Außerdem wurden in der Abteilung für Angewandte Kunst Unterbauten der Damenkleidung seit der Renaissance vorgestellt. Dafür waren entsprechende Nachbauten von Studentinnen nachgeschneidert worden, die Aufbau und Funktionsweise von Schnürbrust, Weiberspeck und Co. genau vorstellten.

Anschließend ging es für uns in den Felsenkeller, wo Dornenreich ein anderthalbstündiges Konzert geben sollten. Dass die Black-Metal-Herren aus Österreich so viel Zeit im engmaschigen Konzertplan bekamen liegt wohl einfach daran, dass ihre Stücke zum Teil bis zu 10 Minuten lang sind. Auch hier lohnte sich das warten im Regen vor geschlossenen Toren, denn Dornenreich gaben eine bunte Mischung ihres Repertoires sehr gekonnt wieder, unter anderem meine Favoriten „Schwarz schaut tiefster Lichterglanz“ und „Was zieht her von welken Nächten“. Sehr sympathisch fand ich, dass beide gleich nach dem Konzert ihr Merchandise selbst verkauft und bei der Gelegenheit natürlich noch unterschrieben haben.

Nach einem leckeren vietnamesischen Abendessen und einem Power-Nickerchen in der Ferienwohnung zog es uns in der Nacht dann noch einmal raus in die Stadt und zum sogenannten Göttertanz im Haus Leipzig. Die Musikauswahl, die DJ Tom Manegold auflegte war von gewohnt guter Qualität, aber manchmal sind es eben eher die Gäste, die einen an der Qualität einer Party zweifeln lassen... Nichts desto trotz hatten wir Spaß bis in die Morgenstunden, um dann am Montag das Festival mit einem gemütlichen Mittagstück unter Freunden ausklingen zu lassen.

PS: Ein Outfit-Bild muss ja dann irgendwie doch mit rein... Sie sehen oben Granddame Labizarre links in einem wunderbaren Mantel von Ewa i Walla und meine Wenigkeit in meinem grünen 30er Jahre-Kleid aus Prag. Die Bilder hat Miss Vandal freundlichst zur Verfügung gestellt.

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