Die Brille war und ist für viele ein notwendiges Übel. Die Feststellung, dass die Sehkraft nachlässt und man eine solche benötigt ist sicher nicht die freudigste im Leben und die Zugehörigkeit zur Fraktion der Brillenschlagen wird von vielen nicht unbedingt als Attraktion empfunden. Doch, meine Damen:

„Keine Angst vor Brillen! Wenn die Sehkraft der Augen nachläßt, ist es töricht, den Kauf einer Brille immer wieder hinauszuschieben. Kurzsichtige Augen werden nicht schöner, wenn man sie durch krampfhaftes Zusammenkneifen zwingt, mühsam einen Buchstaben zu erhaschen. Im Gegenteil! Diese falsche Eitelkeit wird durch frühzeitige Runzeln um die Augenpartie teuer bezahlt. Man muß ja heutzutage nicht mehr einen altmodischen Kneifer oder irgendein unförmiges Monstrum von Brille auf die Nase klemmen, um besser zu sehen. Die optische Industrie bringt so formschöne Gestelle auf den Markt, die Auswahl ist so groß, daß jede Frau für ihren Typ etwas Passendes findet. Moderne Brillen machen weder älter noch häßlich; sie haben sich sogar einen Platz in der internationalen Mode erobert. Die Modefürsten von Paris, Rom und New York erfanden als Clou zu ihren extravaganten Modeschöpfungen Brillen, die mit Federn, glitzernden Steinen und Perlen besetzt sind, um die Wirkung ihrer Modellkleider zu unterstreichen. Frauen, die um jeden Preis modern sein wollen, tragen diese Augengläser, obwohl sie ihre volle Sehkraft besitzen. Nach all meinen Erfahrungen kann ich nur jeder Frau raten, Minderwertigkeitskomplexe wegen irgendeines Sehfehlers gar nicht erst aufkommen zu lassen, sondern sich rechtzeitig zu einer passenden Brille zu entschließen. Allerdings ist auch hier falsche Sparsamkeit fehl am Platze. Eine Brillenträgerin darf sich nicht mit einer Brille zufrieden geben. Schließlich trägt ja eine Frau, die gefallen will, auch nicht ein Sportkleid zu festlichen Gelegenheiten. Es ist bestimmt vorteilhafter, auf ein Kleidungsstück zu verzichten und sich dafür eine Brille für den Alltag und eine für besondere Gelegenheiten anzuschaffen. Warum? Eine Hornbrille kann zu einem Sportkleid passen, aber im festlichen Gewand kann sie störend wirken. Es steht fest, daß manches weibliche Gesicht gewinnt wenn es von einer zum Typ passenden Brille geziert wird. Denken wir doch an die Männer: Es gibt genügend Herren, die sich mit einer Möglichst wuchtigen Hornbrille den Flair des Würdigen und Imponierenden geben wollen und es auch erreichen. Wenn eine Frau es versteht die Form einer Brille so auszuwählen, daß sie nicht nur zur Gesicht steht, sondern auch zur Kleidung paßt, dann wird sie die Gläser, die ihre Sehkraft regulieren, niemals als Ballast empfinden.“ (Lilo Aureden: Schön sein und Schön bleiben, 1955, S. 219f.)

Im Folgenden empfiehlt Frau Aureden auch die Nutzung von
“Kontaktgläsern als neue unsichtbare Brille“. Es währe also gar nicht mal so unauthentisch zu einem 50er Jahre Kleid Kontaktlinsen zu tragen. Dies kann allerdings auch tückisch sein, wie Sie hier sehen können und mal ehrlich: Die Brille ist auch ein prima Accessoire und wer sich gern im Stil vergangener Zeiten kleidet, kann seine Outfits mit diesem kleinen Detail noch prima ergänzen.

Heute unterscheidet man viele unterschiedliche Gesichtsformen und findet für jeden Typ eine passende Sehhilfe. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war das etwas anders. Wer die Brillenformen über die Jahrzehnte vergleicht, kann feststellen, dass in dieser Zeit vor allem runde Glasformen üblich waren. Wie wir in diesem Video aus den 1940er Jahren lernen, ging es dennoch vor allem darum, dass die Brille unser Gesicht vorteilhaft schmückt, die Schönheit verbessert.

Dabei gelten für runde und lange Gesichter jeweils unterschiedliche Regeln der Brillenwahl, die natürlich mit Frisur und Schminke in Einklang gebracht werden muss. Die gezeigten Modelle haben vor allem runde Formen und variieren in der Art und wie und auf welcher Höhe der Nasensteg sie verbindet. Da ich ein rundes Gesicht habe, wurde mir immer von runden Gläsern abgeraten, weshalb ich dachte, ich könnte mir ein 40er Jahre Brillenmodell gleich abschminken. Allerdings macht mir das alte Video wieder Mut - vielleicht doch mal nach einem alten Modell zu suchen, das den dort genannten Anforderungen entspricht. In dem Video aus den 40ern wird auch gefordert, dass die Brille passend zu Kleidung und Anlass gewählt werden sollte, was ja Frau Aureden ein Jahrzehnt später auch tut.

Wenn wir an die 50er Jahre denken, haben wir natürlich sofort die berühmte Cateye im Kopf. Viele werden sagen: "Das ist eine ausgefallene Form, die steht mir bestimmt nicht." Dieses Video aus dem Jahr 1955 zeigt uns, dass Cateye nicht gleich Cateye ist und je nach Modell in ganz verschiedene Gesichter passen kann. Sicher sind die Modelle zum Teil sehr ausgefallen und eben dem Anlass entsprechend zu wählen.

Noch ein bisschen verrückter wird es in diesem Video. Welches Modell würden Sie wählen? Ich finde den „Teardrop-Style“ oder die Lederbrille ja besonders kurios.

Derzeit gibt es im Handel viele Retromodelle zu kaufen, die vom Stil der 40er oder 50er Jahre inspiriert sind. Als ich vor knapp drei Jahren in die Lage kam mir eine Sehhilfe zulegen zu müssen, hatte ich zum Beispiel Glück bei Fielmann, wo ich eine Brille aus der Dior-Collection „Les Marquises“ erstand, die von den Formen der 50er Jahre inspiriert ist.

Doch es finden sich auch Originale aus vergangenen Zeiten in 2nd-Hand-Läden, auf Ebay, dawanda und co. Und auch so mancher Optiker verkauft alte Schätzchen nebenher. In Berlin gibt es zum Beispiel „Lunettes“, die auch einen Online-Shop haben.

Der Brillenwerkstatt in Königstein im Taunus werde ich sobald als möglich mal einen Besuch abstatten, denn auch hier gibt es tolle Modelle aus dem 19. Jahrhundert bis in die 1980er Jahre. Auch hier gibt es die Möglichkeit die Brillen online zu kaufen. Das Brillenhaus Wilke in Hamburg steht am Ende meiner kleinen Liste von Läden für Vintage-Brillen. Es hat sogar ein angeschlossenes Brillenmuseum, und im Online-Shop habe ich auch schon einige hübsche Modelle erspäht.

Also, liebe Leser, Brille kann auch Spaß machen! Ich hoffe mein kleiner Beitrag erleichtert Ihnen ein bisschen die Entscheidung über das passende Modell und wenn Sie zu den Bewundernswerten mit Argusaugen gehören, sein Sie nicht traurig - es gibt ja noch die Sonnenbrille ;-)

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